Weichenstellwerk: Neue Sprach- und Lebensschule eröffnet

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Pk Fluechtlinge, Sicher Leben am 05.07.2016

Gemeinsam für Sicherheit und Integration: Am 6. Juli 2016 eröffnete in Graz das „Weichenstellwerk“ – hier vermitteln Studierende und Polizisten AsylwerberInnen Sprach- und Alltagswissen.

Betrieben wird das Weichenstellwerk in der Steyrergasse 114 vom Verein Sicher Leben, der Stadt Graz und der Initiative „Gemeinsam Sicher“ des Innenministeriums. Ziel ist es, den SchülerInnen einerseits unter Berücksichtigung ihrer individuellen oder nicht vorhandenen Vorkenntnisse Spracherwerb zu ermöglichen und ihnen andererseits Wissen über Rechte, Pflichten und Gepflogenheiten in Österreich zu vermitteln.

Die Weichen für diese Sprach- und Lebensschule selbst sind schon im Jahr 2014 gestellt worden. Damals initiierte unser Verein nach einem Bürgerbeteiligungsprozess zur Sicherheitsproblematik im Volksgarten die „Volksgartendrehscheibe“ – ein Netzwerk aus Ehrenamtlichen, die in den Räumlichkeiten der Kreuzkirche mit Asylwerberinnen und Asylwerbern Deutsch lernten. Was als Sitzkreis begann, entwickelte sich bald zu einem regelrechten Schulbetrieb. In der Kreuzkirche ist es dafür zu eng geworden, daher wird das Projekt in Räumlichkeiten der Holding Graz in der Steyrergasse von Sicher Leben, der Stadt Graz und der Initiative „Gemeinsam Sicher“ des Innenministeriums als „Weichenstellwerk“ weitergeführt.

Mittlerweile werden knapp 400 SchülerInnen unterrichtet, etwa 50 LehrerInnen – großteils Lehramtsstudierende der Karl-Franzens-Universität – geben je nach ihren zeitlichen Möglichkeiten Sprachunterricht. Zusätzlich vermitteln Polizisten den AsylwerberInnen Wissen über Rechte, Pflichten und das Ämter- und Behördensystem in Österreich – auch mit dem Ziel, ihnen die oftmals vorhandene Scheu vor der Exekutive zu nehmen. „Es ist wohl einzigartig, dass die Polizei im Sinne des Community Policings mit NGOs und Experten an einem Sprachprojekt für Asylwerber arbeitet und ein gemeinsames Ziel vor Augen hat“, sagt Werner Miedl, Community Referent der Grazer Polizei und Geschäftsführer des Vereins Sicher Leben. „Mit dem Weichenstellwerk ist ein wichtiger Schritt getan. Denn die Fähigkeit, sich mitteilen und andere verstehen zu können gibt Menschen – egal woher sie stammen und wo sie leben – Sicherheit und das fördert die Gemeinschaft.“

Das Kernteam des Weichenstellwerkes besteht unter anderem aus einem gebürtigen Afghanen, der im Jahr 2001 als Asylwerber nach Österreich kam und die Volksgartendrehscheibe mitbegründete sowie einem Syrer, der seit eineinhalb Jahren in Graz lebt und binnen kürzester Zeit sehr gut Deutsch gelernt hat. Sie fungieren als Schnittstelle zu ihren Communitys und gleichzeitig als Vorbilder. Als Schnittstelle zu den LehrerInnen fungiert eine Studentin, die sich ebenfalls seit Beginn des Projektes „Volksgartendrehscheibe“ engagiert. Zusätzlich wird der Schulbetrieb vom Institut für urbane Sicherheitsforschung (IFUS) wissenschaftlich begleitet, um den Schulbetreib laufend zu evaluieren und weiterzuentwickeln.

Zurzeit ist der Sprachunterrichtsangebot in drei Sprachniveau-Gruppen gegliedert: Es gibt Kurse zur Alphabetisierung (entspricht Sprachniveau 0 bis A1), einen „Starter“-Kurs (A1-A2) und einen Kurs für Fortgeschrittene (A2). Der Unterricht ist in Module gegliedert, in denen den SchülerInnen zu verschiedenen Themen, zum Bespiel Arbeit und Berufe, sprachliches und grundsätzliches Wissen vermittelt wird. Pro Lehreinheit werden 15 bis 30 SchülerInnen unterrichtet.

Das Weichenstellwerk ist ein Paradebeispiel dafür, was zuwege gebracht werden kann, wenn Politik, Behörden und Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen. Als zwei von vielen Unterstützern stehen der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl und Bildungs- und Integrationsstadtrat Kurt Hohensinner voll hinter dem Projekt: „Jugendliche Flüchtlinge, die zu uns kommen, wissen was es heißt, zu kämpfen und zu überleben. Jetzt müssen sie die Weichen in eine Zukunft stellen“, sagt Bürgermeister Nagl. „Dazu bedarf es – je nach Typ, wir Menschen sind eben verschieden – des Angebots, der Unterstützung, aber auch der nachdrücklichen Aufforderung! Das Weichenstellwerk verbindet alle drei Aspekte und wird dazu beitragen, dass die Integration in Graz gelingt.“ Stadtrat Hohensinner: „Den Menschen, die bei uns in Österreich leben wollen, muss so schnell als möglich ein selbstbestimmtes eigenverantwortliches Leben in Österreich gelingen können. In den Sprachkursen von jungen Menschen für junge Menschen werden unsere Werte und unsere Kultur mitvermittelt, was den neuen Mitbürgerinnen und -bürgern hilft, in der Gesellschaft anzukommen.“

Es waren viele HelferInnen, die zum Aufbau des Weichenstellwerkes beigetragen haben: zum Beispiel Mag. Roswitha Müller vom Integrationsreferat der Stadt Graz, von der Holding Graz – sie stellt die Räumlichkeiten für die Sprach- und Lebensschule zur Verfügung – Dipl.-Ing. Wolfgang Malik, Mag. Barbara Muhr, DI Dr. Gerhard Egger, Betriebsratsobmann Horst Schachner und Gerhard Jarosch, seitens der evangelischen Kreuzkirche Pfarrer Paul G. Nitsche. Die Uni-IT der Karl-Franzens-Universität Graz mit Markus Arras und Dr. Christiane Kapper steuerte Infrastruktur bei. Besonders hervorzuheben ist das immense Engagement der freiwilligen Lehrerinnen und Lehrer, die nicht nur ihre Freizeit investieren, sondern das Weichenstellwerk auch mit Sachmitteln, Lernmaterial und ihrer großartigen Begeisterungsfähigkeit unterstützen. Ohne diese grandiose Unterstützung wäre dieser Schulbetrieb nicht möglich. Danke dafür!